Das Kämpfen lernen

Gedanken zu sozialen Kämpfen im Gesundheitssektor

Das Jahr 2015 war ein äußerst intensives Streikjahr, was insbesondere auf die Tarifauseinandersetzungen der Sozial- und Erziehungsberufe sowie den Poststreik zurückzuführen ist. Trotzdem werden Arbeitskämpfe in Deutschland, was die Zahl der Streiktage angeht, im europäischen Vergleich sehr zurückhaltend eingesetzt. Die unterentwickelten sozialen Kämpfe stoßen dabei auf eine (radikale) Linke, die sich häufig nicht für die soziale Frage interessiert: Klassenkampf ist in Deutschland marginal, sowohl was die realen Auseinandersetzungen als auch die Beschäftigung durch die (radikale) Linke betrifft.

Genau dieses Desinteresse an sozialen Kämpfen wurde durch eine Veranstaltung im Antifa Café im Mai sichtbar. Wo sich sonst das Szenepublikum tummelt, fand sich dieses Mal nur eine überschaubare Anzahl an Leuten ein, um sich zu sozialen Kämpfen im Gesundheitssektor auszutauschen. Doch auch wenn der Andrang eher bescheiden war, konnte die Veranstaltung mit Inhalt überzeugen – obwohl eine Mitdiskutantin fehlte, kam es zu einer spannenden Diskussion, die im Folgenden als Grundlage für einige Gedanken über die Bedeutung der sozialen Frage dienen soll.

Ein Part des Podiums wurde durch die redical M aus Göttingen übernommen, die ihre Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Kapitalismus und Gesundheit vorstellten. Zentrale These war, dass es in den letzten Jahren zu einer Industrialisierung – medizinische Dienstleistungen werden in kleinste Schritte zerlegt, um sie anschließend rationalisieren und so profitabler organisieren zu können – und Ökonomisierung – ökonomische Kalkulationen dringen immer weiter in das Ärzt*in-Patient*innen bzw. Betreuer*in-Patient*innen-Verhältnis ein – gekommen ist. Wichtig war dabei die Feststellung, dass nicht Gesundheit zur Ware wird, sondern Dienstleistungen und medizinische Waren, denen eine Wirkung auf Gesundheit attestiert wird – mal mehr mal weniger evident – kapitalistisch produziert werden, während Gesundheit ein Grundbedürfnis des Menschen ist, das gerade durch die kapitalistische Organisation der Gesundheitsfürsorge geschädigt wird. Mit dem expliziten Hinweis, dass es nicht um ein Zurück zu den goldenen Zeiten des Sozialstaates gehen könne, wurden die aktuellen Entwicklungen dargestellt. Insbesondere die Angriffe auf die paritätische und solidarische Krankenversicherung – idealtypisch: alle zahlen ein und werden nach Bedarf medizinisch versorgt – durch die pauschalierte Abrechnung bei den Ärzt*innen und Krankenhäusern. Es gibt nun „gute“ Patient_innen bzw. Diagnosen, die sich rentieren, und „schlechte“ Patient_innen bzw. Diagnosen, die nach Möglichkeit vermieden werden müssen, da sie nicht profitabel sind. Dies führt zu einer gleichzeitigen Über- und Unterversorgung. Rentable Diagnosen bzw. Behandlungen werden durchgeführt, auch wenn dies medizinisch nicht notwendig wäre, während unprofitable Krankheitsbilder unterversorgt bleiben. Zusammen mit den verdichteten Arbeitsverhältnissen der Angestellten im Gesundheitsbereich wurde damit die öffentliche Gesundheitsversorgung auch zu einem potenziell profitablen Geschäftszweig für private Gesundheitsfirmen.

Von den Zuständen in einer solchen Klinik konnte der zweite Gast auf dem Podium berichten. Als Teil der unabhängigen Betriebsgruppe der Amper Kliniken in Dachau schilderte er die Probleme und Hindernisse aber auch Erfolge selbstorganisierter Betriebsarbeit. Seit fast 10 Jahren organisieren sich die Kolleg_innen dort in der unabhängigen Betriebsgruppe und konnten so manche Schweinerei im Betrieb aufdecken und teilweise auch im Interesse der betroffenen Kolleg*innen klären. Die Entwicklungen der Industrialisierung und Ökonomisierung sind auch in den Dachauer Kliniken voll durchgeschlagen, entsprechend belastend ist die Arbeit dort. Gleichzeitig sieht sich die Betriebsgruppe immer wieder Anfeindungen durch die Geschäftsleitung ausgesetzt. Beispielsweise wurde kurz nach der Übernahme der Amper Kliniken durch den Helios-Konzern die unabhängige Betriebszeitung verboten. Erst nach Protesten konnte das Erscheinen gesichert werden – das damalige Anliegen, dass sich auch linke Gruppen für den Fortbestand einer selbstorganisierten Basisgewerkschaft im Betrieb einsetzen und sich mit den angegriffenen Kolleg*innen solidarisieren, wurde aber von der Szene in München ignoriert.
Vor dem Hintergrund dieser Debatte auf dem Podium entspann sich dann eine Diskussion um mögliche Interventionspunkte für eine (radikale) Linke. Unter dem Stichwort „Care Revolution“ gibt es eine solche Debatte bereits zwischen verschiedenen Berufsgruppen, Gewerkschaften sowie feministischen und linken Gruppen. Einerseits ist klar, dass die Gesundheitsbranche kein einfaches Kampffeld ist – Verantwortung gegenüber den Patient*innen macht streiken sowie die Auseinandersetzung um die öffentliche Meinung schwierig – aber ein lohnendes. Dort wird nicht nur die (medizinische) Reproduktion der Bevölkerung geleistet, sondern gleichzeitig geht es dort auch um Geschlechterrollen und die Frage, wie die Gesellschaft mit Ungleichheit – bspw. mit nicht-zahlungsfähiger Nachfrage (gesundheitliche Leiden ohne entsprechende finanzielle Ressourcen) – umgehen soll. Etwas Diskussionsbedarf bestand über das Verhältnis von Betriebsarbeit und politischen Gruppen. Während erstere eine langwierige Organisierung im und Fokussierung auf den Betrieb sowie die beständige Arbeit an den „kleinen Problemen“ des Alltags erfordert, sind linksradikale Gruppen eher auf politische Kampagnen und wechselnde Themen ausgerichtet. Neben dem allgemeinen Problem, dass die linken und linksradikalen Strukturen zu schwach organisiert sind – sowohl im Betrieb als auch in den politischen Gruppen –, war die Frage, wie es zumindest punktuell zu gemeinsamen Debatten und auch Aktionen kommen könnte. Am Beispiel des Streiks in der Charité wurde diskutiert, inwiefern die Forderung nach festen Quoten für die Personalbemessung, also die Forderung nach ausreichend besetzten Stationen eine politisierbare Auseinandersetzung sein könnte, die Patient*innen wie Beschäftigte betrifft. In einer solchen Situation könnten politische Gruppen den Druck auf den Arbeitgeber – in diesem Fall das Land Berlin – erhöhen; denn es ist eine politische Frage, wieviel Geld zur Verfügung steht, um ein ausreichendes Betreuungsverhältnis in den Kliniken zu gewährleisten.

Die Debatte war spannend, auch wenn niemand der Beteiligten einen Masterplan für die Organisierung im Gesundheitssektor präsentieren konnte. Die Debatte war insbesondere deswegen spannend, weil viele Leerstellen der (radikalen) Linken in München zum Vorschein gekommen sind. Eine weitere Auseinandersetzung mit unseren Lebensbedingungen und Klassenauseinandersetzungen bleibt also unausweichlich. Gleichzeitig sind erste Kontakte geknüpft, um zumindest in Zukunft einen engeren Austausch zu pflegen. Trotzdem bleiben viele Fragen offen. Insbesondere muss die (radikale) Linke sich erst langsam wieder an Interventionen in Betriebsauseinandersetzungen herantasten – der hippe Antifa-Chic wirkt für Naziaufmärsche mobilisierend, während abhängig Beschäftigte dagegen einigermaßen immun sind – und muss dort praktische Erfahrungen sammeln. Lohnarbeiter*innen warten nicht auf die Weisheiten der linken Politgruppen, haben in verschiedenen Auseinandersetzungen aber durchaus Bedarf für eine solidarische Unterstützung durch verlässliche Bündnispartner*innen. Hier gilt es anzuknüpfen und zu überlegen, wo sich auch in München Interventionsmöglichkeiten in Arbeitskämpfe anbieten. Auch wenn kurzfristig keine großen Erfolge zu erwarten sind, gilt es kontinuierlich die Verankerung in den sozialen Kämpfen auszubauen und dort mit eigenen Inhalten präsent zu sein. Nur als Teil der Auseinandersetzungen kann eine (radikale) Linke das Kämpfen wieder lernen. Und schon der alte Brecht wusste: „Wer kämpft, kann verlieren.
Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

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Keine Spätzle, aber Gewalt

Erfahrungsbericht vom Bundesprogrammparteitag der AfD in Stuttgart

Ich bin am 30. April mit einem der vielen deutschlandweit mobilisierten Busse nach Stuttgart gefahren, um den Parteitag der AfD zu vereiteln. Mir war klar, dass die Cops in Baden-Württemberg (wie Cops das so an sich haben) nicht freundlich sind und diesen Parteitag auf jeden Fall schützen und durchsetzen wollen. Und ich wusste, dass die Polizei schon an sich eine von Sexismus durchsetzte Institution ist und dieser Sexismus sich auch drastisch nach außen hin zeigen würde, was mich zusätzlich bedrohen könnte. Trotzdem wollte ich wie tausend andere Antifaschist*innen den Parteitag verhindern, da die AfD eine Politik vertritt, die auf Ausgrenzung und Abschottung zielt und offen rassistisch, sexistisch, völkisch und antisemitisch ist. Gerade ihre großen Erfolge bei den Landtagswahlen haben gezeigt, dass sie einen ernst zu nehmenden politischen Gegner darstellt und aktuell eine große Diskursmacht besitzt – genug Gründe, etwas gegen den Parteitag unternehmen zu wollen.

Wir können alles,
außer Demonstrationsfreiheit

Etwa zwanzig Minuten nach dem Ausstieg aus dem Bus befand ich mich in einem Kessel mit etwa 400-600 Antifas. Wir wurden auf engstem Raum zusammengedrängt, die Cops zeigten sämtliche Drohgebärden, die uns einschüchtern und psychisch angreifen sollten. Sie holten zunächst unvermittelt und höchst brutal irgendwelche Personen aus dem Kessel, schlugen sie teilweise zu Boden und brachten sie dann weg. Nach vielleicht zwei Stunden war uns klar, dass die Polizei tatsächlich alle einzeln verhaften würde, bis der Kessel leer war. Die Leute ließen sich zunehmend ohne größeren Protest abführen und wurden in Busse gepackt. Davor wurden alle festgenommenen Leute noch mit Kabelbindern gefesselt. Oft schnitt diese Fesselmethode die Haut wund. Auch das ist – wie der gesamte Kessel – als reiner Akt der Schikane zu betrachten, da es vollkommen überzogen war, alle im Bus nochmal zusätzlich zu fesseln!
In den Bussen gab es nichts zu essen und zu trinken, Aktivist*innen saßen oftmals mehr als zwei Stunden ohne geöffnete Fenster und unter großer Hitze dort drin. Unser Bus wurde nach etwa eineinhalb Stunden Wartezeit in die Messehalle 9 gefahren, wo ich, wie viele andere auch, erstmal stundenlang warten musste. Dabei sahen und hörten wir immer wieder, dass einige Leute willkürlich in Polizeibusse mit abgedunkelten Fenstern gebracht wurden und wie die Insass_innen an die Fensterscheiben klopften, um auf sich aufmerksam zu machen.
Die völlige Unwissenheit, was in den Bussen mit unseren Genoss*innen passiert, war Teil des Konzeptes der Einschüchterung. Im Nachhinein war jede Angst davor, in so einen Bus gesteckt zu werden, berechtigt, da sich die Leute in stickiger Isolationshaft befanden, weder Essen noch Trinken erhielten und ihnen essentielle Medikamente entzogen wurden. In einigen Fällen kollabierten Menschen sogar.

Institutioneller Sexismus at its best

Weibliche Polizistinnen gab es kaum, also mussten die Personen, die die Cops als Frauen lasen (in meiner Nähe haben sich zwei Cops ernsthaft darüber unterhalten, ob sie nun Jungen oder Mädchen vor sich hätten), noch länger auf die Fortführung der ekelhaften Prozedur warten. Schließlich wurde ich von zwei Frauen in ein blaues Stoffzelt gebracht, das ein durchsichtiges Plastikplanenfenster besaß.
Ich musste mich ausziehen, die Polizistin zog mein Top hoch, fasste mich an den Brüsten und zwischen den Beinen an und ich konnte durch das Fenster sehen, wie vier Cops das Ganze beobachteten. Das stellte für mich eine wahnsinnig übergriffige Situation dar, das fucking Zelt hätten sich die Cops dann auch gleich sparen können! Auch der Griff an meine Brüste von der Polizistin ist nichts anderes als sexualisierte Gewalt, die sich durch die Blicke der Typen vor dem Fenster einfach nur noch verschlimmert hat.
Weiter ging die Prozedur dann im nächsten Raum, wo ich von oben bis unten gefilmt wurde und eine mitgebrachte Mütze und Sonnenbrille anziehen musste. Dann stand ich in einer Schlange mit anderen Insass*innen (die jeweils zwei Cops als Begleitung hatten). Mir wurde alles, was ich dabei hatte, abgenommen und ich wurde in einen Käfig – „Zelle 6“, eine „Frauenzelle“ -, gesperrt. Dort saßen wir eine Weile, bevor Leute angefangen haben, Parolen zu rufen und an den Gittern zu rütteln. Eine der weißen Planen, mit der uns die Sicht auf andere Zellen versperrt werden sollte, wurde von den Stäben gerissen. Ein Cop kam mit seinem ausgepackten Teleskopschlagstock (kurz: Teli) auf die Zelle zu und schlug damit gegen die Käfigstäbe.
Eine kurze Info zu so einem Teli: Ausnahmsweise kann der Gegenstand bei „berechtigtem Interesse“ geführt werden. Das Waffengesetz nennt hierfür beispielhaft: Berufsausübung, Brauchtumspflege, Sport oder einen allgemein anerkannten Zweck. Kein berechtigtes Interesse ist es nach der Gesetzesintention dagegen, einen Schlagstock zu Verteidigungszwecken mit sich zu führen. Ich vermute, in unserer Situation fällt die Verwendung dieses Geräts unter „Brauchtumspflege“, denn Sexismus ist bei den Cops natürlich Tradition und gehört gepflegt!
Zurück zur Story: Kurz darauf kamen sechs männliche Polizisten in unsere Zelle, drängten uns auf einen Haufen und schlugen mit Schlagstöcken auf uns ein. Eine von uns zogen sie raus und als der ausgelegte Boden der Zelle endete und man nur noch Beton unter den Füßen hatte, schlugen sie sie nochmal zu Boden und brachten sie dann weg – vermutlich in einen der Polizeibusse. Wir sahen später noch, wie sie neu aufgenommen wurde.
In meiner Zelle waren danach alle mit den Nerven am Ende. Wir besprachen uns kurz, soweit es ging und einigten uns auf keine offensive Konfrontation mehr: nur noch defensiv versuchen, die Plane unten zu halten, weil wir so mit anderen Zelleninsass*innen kommunizieren konnten.
Ab diesem Zeitpunkt wurden uns Essen, Trinken, Medikamente, Tampons usw. noch mehr als zu vor verweigert (also komplett und ausnahmslos), wir bekamen ab und zu Schläge von Cops gegen die Gitter, wurden bei der Forderung nach Nahrung ausgelacht und ansonsten gab es wie üblich und bekannt: Muskelspielen vonseiten der Polizei.

Niemand muss Bulle sein!

Nach etwa eineinhalb weiteren Stunden wurde unsere Zelle als eine der letzten Stück für Stück frei gemacht. Man musste sich einen „Good Cop“-Monolog anhören, bei dem gesagt wurde, man möge die Unannehmlichkeiten entschuldigen, aber es wäre nicht anders gegangen, blablabla. Manche Leute bekamen ihre Ausweise verspätet oder auch gar nicht mehr, weil die Cops sie verschlampt hatten. Ich wurde in einen Bus gesetzt, dessen Fahrer uns an irgendeinem vermutlich durch Zufall oder nach dem Motto „Möglichst weit weg von allem“ ausgewählten Bahnhof rausgelassen hat – Glück gehabt, bedenkt man, dass andere Leute an Bushaltestellen entlassen wurden, von denen aus kein Bus mehr fuhr.
Die Strategie der Cops zeichnete sich neben ihrer Kessel-Taktik durch massive Beeinträchtigung der Psyche von Antifaschist*innen aus, durch harte körperliche Angriffe, sowie durch widerwärtige sexistische Übergriffe. Diese Erfahrung, von Cops eingesperrt zu werden, die dir dann noch deinen letzten Nerv und deinen letzten ansatzweise geschützt gehofften Raum nehmen, weil maskulinistische Männer in Uniform in diesen Käfig eindringen, auf dich einschlagen und du so nicht einmal mehr in deiner Zelle sicher vor Angriffen bist, ist eine krasse Erfahrung von Machtlosigkeit. Wir hatten keine Möglichkeit uns zu schützen, wir hatten nichts zur Verteidigung und zum Schutz, waren größtenteils schon fertig von den Strapazen und konnten noch nicht einmal weglaufen, als diese Biester uns überfallen haben.
So etwas wie die Verweigerung lebenswichtiger Medikamente, von Trinken oder Essen nennt man übrigens Folter. Was die Cops in Stuttgart mit Aktivist_innen gemacht haben, läuft normalerweise unter diesem Namen. Es wird hier nur nicht als das verhandelt, was es ist, weil die Täter_innen Polizist_innen waren.

Was habe ich nun daraus gelernt?

Mir persönlich wurde ein Mal mehr gezeigt, was für eine Institution die Polizei ist und weshalb man Cops nicht vertraut, sie nicht deine Freund*innen und Helfer*innen sind. Der Gegenprotest wurde mit allen Mitteln, den die Staatsmacht im Land der Linsen und Spätzle aufzubieten hat, delegitimiert und kriminalisiert, die Gegendemonstrant*innen wurden körperlich und psychisch verletzt und drangsaliert.
Umso wichtiger ist es, dass wir uns mit der kommenden Repression nicht alleine lassen und weiterhin klare Zeichen gegen die Politik der AfD setzen. Ein wichtiger Schritt dafür ist, sich zu organisieren um gemeinsam Politik zu machen. Deswegen: Bildet Euch! Bildet Andere! Bildet Banden!

Niemand bleibt allein!

not alone

Die Kampagne not alone braucht dringend Geld.

Seit knapp eineinhalb Jahren ziehen fast jeden Montag rassistische Pegida-Aufmärsche durch München. Die Teilnehmer*innenzahl der rechten Demos stagniert schon seit geraumer Zeit bei 100-150 Personen. Die Orga muss sich neben internen Streitigkeiten zunehmend auch mit der Stadt und dem KVR herumschlagen. Das hat den Rechten weniger attraktive Versammlungsorte zugewiesen, sodass sich Pegida seit einigen Wochen entschieden hat keine Versammlungen durchzuführen und gegen die Maßnahmen der Stadt zu klagen. Vor allem aber kontinuierlicher Gegenprotest ist es, der verhindern kann dass rassistische Hetze, Antisemitismus, Sexismus und andere Widerlichkeiten zur unwidersprochenen Normalität werden. Der antifaschistische Widerstand wirkt dabei deutlich koordinierter und besser aufgestellt als noch vor einigen Monaten. Mittlerweile gelingt es Gegendemonstrant*innen regelmäßig auf die Route des Pegida-Aufmarschs zu gelangen und ihn durch Blockaden zu stören und häufig auch zu verkürzen bzw. die Polizei zum Umleiten der Demo zu zwingen. Nicht verbessert hat sich die Situation jedoch angesichts der Repression, mit der sich Antifaschist*innen nach wie vor konfrontiert sehen. Zahlreiche Personen wurden verurteilt, etliche Verfahren laufen noch. Massenverhaftungen aufgrund von Sitzblockaden und U-Haft wegen einem angeblich zu kurzen Fähnchen bilden dabei nur traurige Höhepunkte. Um sich diesem organisierten Angriff auf den antifaschistischen Widerstand zur Wehr zusetzen und die Repression mit Solidarität zu beantworten wurde die Kampagne „not alone“ ins Leben gerufen. Durch Öffentlichkeits- und Pressearbeit im Rahmen der Kampagne wurde versucht, die Repression stärker öffentlich zu thematisieren. Durch Soliparties und Spendensammlungen konnten zahlreiche betroffene Aktivist*innen unterstützt werden. Die Kosten, die durch Verfahren, Anwaltskosten, etc. anfallen, übersteigen oft die finanziellen Möglicheiten der Betroffenen. Diese Kosten gemeinsam und solidarisch abzufedern stellt eine Notwendigkeit dar, damit entschlossener Antifaschismus möglich bleibt, zumal mit einer baldigen Fortsetzung der Pegida-Märsche zu rechnen ist. Wir bitten euch deshalb uns nach euren finanziellen Möglichkeiten als Einzelpersonen oder durch eure Strukturen zu unterstützen, Soliparties zu organisieren oder uns anderweitig zu supporten. Die not alone-Kampagne braucht dringend Geld um weiter Aktivist*innen finanziell helfen zu können.
Getroffen hat es einige, doch gemeint sind wir alle! Niemand bleibt allein!

How To Get A Beach Body…

Über dich und deinen Körper und was das mit dieser Gesellschaft zu tun hat

(von feminist subversion)

Fat Shaming, Cat calling, Gesundheitswahn, Selbstoptimierung, Fitnesszwang, Werbung, Markenzwänge, Schönheitsnormen, muskulös, aber bloß nicht maskulin, gephotoshoppte Menschen auf Plakatwänden, die uns zeigen, wie niemand ist. Wie soll irgendwer unter diesen Bedingungen eigentlich ein positives Bild von seinem_ihrem eigenen Körper entwickeln? Was ist das für 1 Life?
Das gerade genannte ist eine begriffliche Aufzählung, die zeigen soll, womit in Bezug auf ihren Körper insbesondere FLIT° täglich konfrontiert sind. Es sind anerkannte Mittel, die den ständigen Zwang, sich selbst zu „optimieren“, legitimieren und manifestieren sollen. Täglich begegnen uns Menschen, ob Familie, Freund_innen oder Unbekannte, die meinen, unser Aussehen beurteilen und bewerten zu müssen. Täglich begegnen uns explizite und unterschwellige Botschaften, die uns ein (meist schlechtes) Gefühl unserem Körper gegenüber geben. Und selten werden Leute gefragt, ob sie den Kommentar über ihr Aussehen überhaupt wollen, den sie bekommen.
Die Fokussierung auf den Körper einer Person ist allerdings in gesellschaftlichen Verhaltensmustern verankert.

Szeneinterne Schablonen

Oft sind die Bewertenden nicht einfach Menschen, die es nicht besser wissen: Unter anderem in linken Kreisen meinen Leute, sich durchgehend auf die Kleidung oder den Körper ihrer Genoss_innen beziehen zu müssen. Manchmal sagen sie den Spruch den Personen selbst, manchmal treffen sie diese Aussagen zusammen mit oder vor anderen über die Körper anderer Menschen. Dabei geht es viel um Begehren und um die Frage, welche Körper in einer linken Szene „schön“ und „anziehend“ sind.
Es lohnt sich, bevor man so einen Kommentar dann tatsächlich rauslässt, mal kurz innezuhalten und sich daran zu erinnern, dass Leute manchmal nichts über ihren Körper oder ihr Aussehen hören wollen, weil oft genug das Gefühl präsent ist, auf Äußerlichkeiten reduziert zu werden.
Allerdings geht es auch um Anerkennung als ernstzunehmende_r Aktivist_in: Wer kennt diese Situationen nicht, wenn kleine Personen, FLIT oder andere gefragt werden, ob sie sich die erste Reihe sicher zutrauen? (Wir schrieben darüber bereits an anderer Stelle, siehe unser Statement zu sexistischen Vorfällen auf der „Free Paul“-Demo.)

It‘s not your fault!

Wir denken selbst in eben den genannten normativen Mustern über Körper und wir verkörpern sie mit unserem Auftreten und Verhalten. Sie richten sich nach Zwängen aus, wie Fitheit, Schlankheit und Gesundheit und sie als Zwänge zu realisieren, ist oft schwer möglich. Diese Muster können aber nur solange funktionieren, wie sie nicht hinterfragt und durchkreuzt werden. Aber die meisten Menschen passen sich an gesellschaftliche Körpernormierungen an (einen Keks für die Person, die sich da vollkommen rausnehmen kann). Sie fangen an sich zu vergleichen und sich schlecht zu machen, sie tun vieles nicht mehr aus Spaß, Freude oder eigenen Motivationen, sondern um nicht aus der Norm zu fallen.
Es ist wichtig zu betonen, dass die Leute, die sich beispielsweise dazu zwingen wenig zu essen, Sport zu machen oder sonstwie ihren Körper im Sinne des kapitalistischen Maßstabs zu optimieren, nicht selbst daran Schuld sind. Denn wenn sie sich anders verhalten und keine Diät machen, sind sie oft mit Ausgrenzung und Diskriminierung konfrontiert. Den Leuten zum Vorwurf zu machen, dass sie sich davor schützen wollen, ist also eine harte Nummer, weil damit ignoriert wird, dass es die Strukturen gibt, die zu Diskriminierung führen.
Deshalb: Wir wissen, wie schwer es ist, gerade in Bezug auf (den eigenen) Körper selbstkritisch zu sein, eben weil hier ein besonders starker sozialer Zwang am Werk ist, der eng verbunden ist mit Diskriminierungserfahrungen. Wir wollen auch Leuten nicht vorschreiben, wie sie sich ihrem Körper gegenüber zu verhalten haben, aber wir wollen den Anstoß zur Reflexion eigener Körpervorstellungen geben und einen Versuch des Empowerments machen.

Her mit dem körperpositiven Leben!

Sämtliche Körper, die in den jetzigen Verhältnissen Stigmatisierung ausgesetzt sind, sind erstmal genau richtig, denn: Solange sich eine Person in und mit ihrem Körper wohlfühlt, ist das schön.
Und es wäre sicher einfacher, sich darin wohl zu fühlen, wenn Leute ihn nicht ständig abwerten und in prüfende Blicke nehmen würden!
Auch wenn die Scheiße in gesellschaftlichen Strukturen vergraben liegt, können wir individuell versuchen anzusetzen: Wir können versuchen die Bewertung im Spiegel oder des Gegenübers mal wegzulassen. Die braucht es gar nicht so unbedingt in vielen Situationen, Körper müssen nämlich nicht immer „schön“ oder „hässlich“ sein, die können auch mal nur sein. Und wir können versuchen, uns nicht ständig mit anderen Menschen zu vergleichen, denn unterschiedliche Körper sind nicht vergleichbar. Und was sagen die Vergleiche am Ende aus?
Gleichzeitig wäre die Idee, die wir hier formulieren, radikal zu Ende gedacht auch das Ende jedes Kompliments und jeder Bestärkung, die doch wahnsinnig wichtig für uns ist, besonders innerhalb der bestehenden Verhältnisse. Wir können diese Frage bisher nicht abschließend beantworten, doch an diesem Problem weiterzudenken lohnt sich: Wie können wir Komplimente und Bestärkungen so formulieren, dass sie uns bestärken und uns ein gutes Gefühl geben? Hier müssen wir erneut ansetzen, weil die Lösung nicht sein wird, sich nicht mehr positiv aufeinander zu beziehen. Und trotz aller individueller Intervention: Letztendlich steht einem körperpositiven Leben einiges im Weg, worauf wir auf uns gestellt nicht unmittelbar Einfluss nehmen können. So ganz werden wir also um die radikale Umgestaltung der Gesellschaft nicht herumkommen: das erwähnte körperpositive Leben ist schwer vorstellbar, solang Ausbeutung, Ungleichwertigkeit, das Prinzip der Konkurrenz, Profitlogik, Hierarchie, Über- und Unterordnung grundlegende Elemente der Gesellschaft sind.
Bisher werden unsere Körper dazu genutzt, den kapitalistischen Alltag zu reproduzieren mit all seinen Normen und Unterdrückungsformen. Dabei werden manche Menschen gezielt diskriminiert, beispielsweise „dicke“ Personen, die nicht dem Ideal von trainierten, fitten Körpern entsprechen. Erst in Abwesenheit kapitalistischer Optimierungszwänge können deshalb Menschen entdecken, wie sie sind und dass auch ihr Körper gut so ist. Bis das geschafft ist, lautet unsere Antwort auf die Anfangsfrage trotzdem: Have a body, go to the beach und gönn dir hart!