Schöner Wohnen in der Höhle des Löwen

Wohnraumkämpfe in München – Eine Geschichtsstunde

Knapp zehn Jahre ist es her. „Hausbesetzerkrieg mitten in München“ schrie es da von den stummen Zeitungsverkäufern der Münchner Boulevardpresse. Am 29. Juli 2007 stürmte das USK ein still besetztes Haus in der Westendstraße. Einige Steine sollen aus den Fenstern geflogen sein, getroffen haben sie wohl niemanden. Der Staatsanwalt beantragte Haftbefehle wegen versuchten Totschlags, am Ende wurden drei junge Menschen zu 5 Jahren Haft verurteilt.
Am Abend des 7. August 2013 besetzten mehrere Dutzend Leute die Goethestraße 30. Als am nächsten Tag die Polizei eindrang, verließen die Besetzer_innen das Haus freiweillig, kommentiert von spöttischen Presseberichten – Gab ja schließlich keinen „Hausbesetzerkrieg“. Dennoch hatte die Aktion immerhin einige Stunden länger gehalten als eine ambitionierte Besetzung in der Landsbergerstraße, die 2002 bereits nach wenigen Stunden in der Ettstraße enden sollte…
In den letzten Jahren hat es in München keine erfolgreichen Hausbesetzungen – also solche, die länger als ein paar Stunden besetzt blieben und nicht als rein symbolische Aktion gedacht waren – gegeben. Dies führt hin und wieder zu der Annahme, in München habe es so etwas nie gegeben, dazu wäre die Repression hier schon immer zu heftig gewesen. Unterhält man sich aber mit den Menschen, die bereits in den 70er und 80er Jahren in München politisch aktiv waren und die sich mit politischen Bewegungen zu der Zeit beschäftigt haben, gewinnt man einen ganz anderen Eindruck: auch in München gab es Stadtteilproteste, auch in München gab es – mitunter sogar erfolgreiche – Hausbesetzungen.
Tatsächlich war in München das Problem der Wohnungsnot schon Thema, bevor es bspw. in Berlin zu einem Politikum wurde. In München wurden viele Entwicklungen vorweg genommen, die sich in ähnlicher Form andernorts erst später vollziehen sollten. Ihren Beitrag dazu leisteten nicht zuletzt die (alte) Messe und die Olympischen Spiele. Daher bot es sich in München auf besondere Art und Weise – auch für eine außerparlamentarische Linke – an, Wohnraumpolitik auf die Tagesordnung zu setzen. In den 70ern und 80ern hatten sich Aktive neben den Stadtteilprotesten verschiedene andere Schwerpunkte in ihrer Politik gesetzt, dazu zählen Anti-AKW-Proteste oder etwa auch die Rote Hilfe. Aber auch die Frage, wie man Arbeiter_innen in eigene Kämpfe miteinbeziehen kann, wurde diskutiert und von Gruppen mit unterschiedlicher Ausrichtung natürlich auch unterschiedlich beantwortet. So entstanden etwa Arbeiter-Basis-Gruppen, die dazu dienen sollten, verschiedene politische Kräfte zu vereinen und einander näher zu bringen. Dass es eine verstärkte Orientierung an sozialen Bewegungen und Protesten gab, hatte einiges mit dem gesellschaftlichen Klima der Zeit zu tun: Viele waren von einer Aufbruchsstimmung ergriffen, die sich in diversen sozialen Bewegungen äußerte. Die Aktivist_innen, um die es hier geht, begriffen sich als Linksradikale und als Autonome, sie arbeiteten in Betrieben, studierten an der Uni, gingen zur Schule, kamen aus ganz verschiedenen Kontexten. Wichtig war ihnen allen aktiv zu sein, in Bewegung zu bleiben. Diese Entwicklung hat vermutlich auch dazu beigetragen, dass es den Aktivist_innen damals selten nur um den einen Teilbereich von Politik, mit dem sie sich schwerpunktmäßig befassten, ging. Ihr Ziel war das große Ganze, was auch aus ihrem Selbstverständnis als Autonome und Linksradikale folgte, die die Vorstellung einer herrschaftsfreien Gesellschaft in ihren Köpfen hatten. Die Motivation, sich dem Thema Hausbesetzungen und Wohnraumpolitik zu widmen, war dementsprechend auch unterschiedlich begründet. Manchmal war es ganz einfach die Empörung über Leerstand, während Menschen auf der Straße sitzen und keinen Platz zum Leben haben. Mal war es primär das Ausgehen vom eigenen Bedarf, dass zur Handlung führte. Und oft war es die Erkenntnis, dass mit der Frage nach dem Eigentum an Wohnraum, ganz grundsätzliche Aspekte der kapitalistisch eingerichteten Gesellschaft berührt werden.
Doch wie auch heute, stand für die Menschen damals noch einiges zwischen dem Beschluss sich Wohnraum anzueignen und der Umsetzung dieses ehrgeizigen Plans. Wenig verwunderlich stellte sich die lokale Politik, allen voran der damalige bayerische Innenminister Gerold Tandler, gegen die Idee einer selbstbestimmten und -organisierten Wohnraumpolitik. Die Position der bayerischen Regierung manifestierte sich deutlich im Umgang mit Demonstrant_innen: Als Antwort auf die zahlreichen Hausbesetzungen in Berlin und die militanten Solidaritätsbekundungen durch Aktivist_innen in München, kam 1981 vom damaligen Polizeipräsident Dr. Manfred Schreiber eine unmissverständliche Ansage: „In München – das garantiere ich – bleibt kein Haus länger als 24 Stunden besetzt.“ Die Aktivist_innen von damals blicken dementsprechend auf massive Repression zurück: „Die Bullen haben an Münchner Demos und Aktionen ‚geübt‘. Vor allem junge Leute wurden verhauen und eingesackt.“ Das erzkonservative Klima, das nicht nur in der Regierungspolitik zum Ausdruck kam, sondern durchaus in weiten Teilen der (Stadt-)Gesellschaft vernehmbar war, hemmte besonders auch Bewegungen, die sich eine Stadt für alle auf die Fahnen geschrieben hatten. Hinzu kam die Repression, die viele Aktive zwangsweise für eine Zeit lang davon abhielt auf die Straße zu gehen. Und als wäre das nicht genug, war es schon damals nicht unüblich, dass sich Bewegungen an Fragen der Organisierung und der Verbindung von Kämpfen spalteten, also politische Fragen zu Hindernissen wurden, die von einer engen Zusammenarbeit abhielten.
Trotz aller Widrigkeiten konnten der Stadt immer wieder Räume abgerungen werden, wenn auch meist nur temporär. Neben der Besetzung in der Tulbeckstraße, gelang es etwa, eine ehemalige Maschinenfabrik in der Lothringer Straße 13 mit neuem Leben zu befüllen. Weitere Versuche gab es unter anderem in der Blumenstraße, in der Trogerstraße, der Lothstraße, in einer Villa in der Fürstenriederstraße und der Schwanthalerstraße. Für ein paar Tage zogen sogar einige Leute in die St. Matthäus Kirche am Sendlinger-Tor-Platz ein.
Retrospektiv ist natürlich festzuhalten, dass die Ereignisse in München in den 70ern und 80ern keinesfalls zu vergleichen sind mit dem, was etwa in Westberlin passierte. Die Masse an Häusern, die sich Menschen damals aneigneten, stellte ganz einfach eine ganz andere Dimension dar. Und das hat durchaus auch mit der starken Repression in Bayern zu tun. Oft hing das Scheitern eben weniger an mangelndem individuellen und kollektiven Willen und Durchhaltevermögen, sondern eher am imposanten Bullenaufgebot, das bei jeder Hausbesetzung sofort zur Stelle war. Klingt vertraut. Einen Unterschied zu heute halten Leute, die damals dabei waren, jedoch des öfteren fest: der starke Kollektivgedanke, von dem damalige Bewegungen geprägt waren und der ihnen zufolge heute spürbar weniger vorhanden ist. Damals fühlten und praktizierten die Aktiven andere Formen von Solidarität, die sogar so weit ging, dass Leute füreinander ins Gefängnis gingen. Unabhängig davon, für wie sinnvoll man das aus der heutigen Perspektive erachten mag, weist es doch darauf hin, dass ein starker Zusammenhalt untereinander vorhanden war und dass „praktische Solidarität“ auch in einem solchen Rahmen gelebt wurde. Was uns sonst noch auf den Weg zu geben wäre: Dass heute eine Bewegung die radikale Forderungen in Bezug auf Wohnraumpolitik stellt nicht vorhanden ist, bedeutet nicht dass sie nicht notwendig wäre. Dazu bedarf es allerdings nicht einer Gruppe, die sich besonders emsig damit auseinandersetzt, sondern tatsächlich einer Bewegung aus ganz unterschiedlichen Akteur_innen. Außerdem braucht es ein Verständnis dafür, dass man Kämpfe – sollen sie erfolgreich sein – nie voneinander getrennt führen kann und dass dies auch für Wohnraumpolitik gilt. Und natürlich muss man eine ordentliche Portion Durchhaltevermögen und Zähigkeit mitbringen, da diese Kämpfe oft langwierig sind. Aber es könnte sich lohnen, langwierige Kämpfe zu führen, denn die Stadt soll allen gehören.

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