Autoritäre Avantgarde

Die Identitäre Bewegung und ihre Grundlagen

Seit einigen Monaten macht die Identitäre Bewegung (IB) mit einer gewissen Regelmäßigkeit auf sich aufmerksam. Durch medienwirksame Aktionen wie den Banner-Drop am Bus-Monument in Dresden, das auf Krieg und Zerstörung in Aleppo hinweisen soll, wird die IB nun auch jenseits antifaschistischer Berichterstattung wahrgenommen. Im deutschsprachigen Raum haben Beobachter_innen der rechten Szene die IB seit etwa fünf Jahren auf dem Schirm. Konzept und Vorgehen der Organisation orientieren sich am französischen bloc identitaire (BI) und der extrem rechten Gruppe CasaPound (CP) aus Rom. Zum Jahreswechsel 2012 zu 2013 schlossen sich verschiedene rechte Gruppen aus Europa unter Annahme einer gemeinsamen Identität zusammen. Seitdem ist die IB unter ihrem Namen, als auch mit ihrem Logo (gelbes Lamda-Symbol auf schwarzem Hintergrund) bekannt.
Das zentrale Medium der IB ist das Internet.So werben sie in sozialen Netzwerken, bewegen sich auf Foren von Online-Zeitungen oder bespielen Video-Channels. Durch aufsehenerregende Aktionsformen wie Flashmobs und Banner-Drops erzeugt die IB die Inhalte, die sie über ihre eigenen Kanäle verbreitet.
Zu den erklärten Zielen gehört die Beeinflussung der öffentlichen Debatte: Besonders muslimische Migrant*innen und Geflüchtete werden als Bedrohung dargestellt. Gleichzeitig wird versucht einen positiven Nationalismus-Begriff zu etablieren. Die völkisch-kulturalistische Identität sei in Gefahr: „Die Jugend ohne Migrationshintergrund –vergessen aber nicht wehrlos“.
Ein anderer wichtiger Aspekt in ihrer politischen Arbeit, ist der Rückgriff auf den Extremismus-Begriff. Die IB distanziert sich in Deutschland von „rechtsextremistischen“ Organisationen wie der NPD. Sie lehnt offiziell Rassismus und Antisemitismus ab, ordnet sich aber auch nicht dem linken oder bürgerlichen Spektrum zu. Sie inszeniert sich jenseits der Kategorien „links“ und „rechts“ als „identitär“ oder „Neue Rechte“. Unter diesen Labels greift sie auf Strategien und Theorie zurück, die zumindest teilweise neu sind. Im folgenden Abschnitt soll auf Einzelaspekte des identitären oder neu-rechten Gedankengebäudes eingegangen werden, dabei stehen Ethnopluralismus, antimuslimischer Rassimus Geschlechter-und Rollenbilder im Vordergrund. Außerdem soll die Strategie des „Kulturrevolution von rechts“ beleuchtet werden.

Ethnopluralismus und Kulturbegriff

Der Rassimus des 19. und 20. Jahrhunderts teilt Menschen anhand des Begriffs der „Rasse“ ein, der scheinbar wissenschaftlich fundiert eine Wertigkeit von verschiedenen Gruppen von Menschen, die der Begriff erst schafft, begründet. Im Gegensatz dazu stellt der Ethnopluralismus den Begriff der Kultur in den Mittelpunkt.
Extrem rechten Menschenbildern gilt der Mensch nicht primär als Individuum, sondern als Angehöriger von Gemeinschaften, denen er verpflichtet ist. Dabei scheint die Homogenität des Kollektivs ständig bedroht. Neben der klassischen biologistischen, sozialdarwinistischen Ideologie, hat sich in der Rechten seit den 1970er Jahren zudem das Konzept des „Ethnopluralismus“ etabliert. Dieser zielt auf die Reinheit ethnischer und kultureller Identität ab. „Völker“, „Ethnien“ und „Kulturen“ seien demnach mit jeweils eigenen Charaktereigenschaften, Wert- und Normvorstellungen ausgestattet. Den als statische und monolithische Blöcke konzipierten Gemeinschaften seien angestammte Gebiete eigen. Da wo ihre Angehörigen diesen quasi natürlichen Lebensraum verlassen und das Territorium einer anderen Gemeinschaft betreten, bedrohen sie deren Homogenität und werden damit zum Problem. Die ihnen als naturgegeben zugeschriebenen einheitlichen und unveränderlichen Eigenschaften ihrer Gruppe, erscheinen als unüberbrückbare Differenzen. Auch diesem Konzept liegt, selbst wenn dies teils sogar zurückgewiesen wird, Ungleichwertigkeit zu Grunde. Die Grenzen zu klassischen (nationalsozialistischen) Rassenlehren sind mitunter fließend.
Die meisten Akteure der Neuen Rechten vertreten zudem keinen konsequenten Ethnopluralismus. Wie oben erwähnt gehören Migrant*innen vor allem aus islamischen Ländern zum Ziel der Neuen Rechten, es kann hier also von einem antimuslimischen Rassismus gesprochen werden.
Ungleichheiten der „Völker“ oder „Kulturen“ werden nicht als historischer Prozess, geschweige denn unter Betrachtung der herrschenden Verhältnisse analysiert, sondern als natürliches Ereignis gesehen. Konflikte in der Welt sind Resultate des Aufeinandertreffens verschiedener Kulturen und nicht politischer Macht- und Herrschaftsinteressen.
Ein neuer Aspekt des Ethnopluralismus ist die Möglichkeit, sich vermeintlich solidarisch zu Migrant*innen zu verhalten. So scheint es ein reges Interesse daran zu geben, sich für Menschen einzusetzen, die aus ihrer Kultur entwurzelt wurden und fliehen mussten: Ziel müsse sein sich für migrierte Menschen zu engagieren, damit diese wieder in ihr Geburtsland zurückkehren können.
Ein konsequenter Ethnopluralismus zielt auf eine weltweite kulturelle Trennung, in der es zu keinem Austausch kommen soll. Migration wird vollends abgelehnt. Um diese Position zu legitimieren, werden alt bekannte Argumentationsschemata a la „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ verwandt.
Zusammenfassend werden Kultur und Nation als ethnisch homogene Einheiten gedacht, die zu schützen sind. Verhalten und Einstellungen erscheinen nicht als sozial erlernt, sondern biologisch bestimmt und damit nicht veränderbar angeboren. Menschen werden immer in ihrer Zugehörigkeit zu ihrer Kultur bewertet und damit nicht als Individuen wahrgenommen.

Antimuslimischer Rassismus

Spätestens seit dem 11.September ist antimuslimischer Rassismus ein Hauptthema der Neuen Rechten. In letzter Zeit wurden vor allem die wachsenden Fluchtbewegungen aus Syrien und anderen islamischen Ländern ausgenutzt, um Hass zu schüren. Dabei hat es die Rechte nicht schwer. Getarnt als Religionskritik, vermittelt die IB einerseits ihren völkischen Nationalismus, andererseits steigert sie den schon existierenden Rassismus, zudem manifestiert sie ihr reaktionäres Geschlechterbild. Dies lässt sich gut am Beispiel der Silvesternacht in Köln oder der Darstellung von Frauenbildern im Islam aufzeigen. So konstatieren Neue Rechte, dass Frauen im Islam per se unterdrückt sind und das Frauenbild von islamischen Männern zu Übergriffen führt.
Dabei wird nicht reflektiert, dass die selben Übergriffe, werden sie von einem Hans oder einem Peter verübt, nicht thematisiert werden. Schlussfolgerung ist nicht die Tatsache, dass wir in patriachalen Strukturen leben und diese Übergriffe von Männern, nicht von muslimischen Männern verübt werden. Zum Problem wird stattdessen der Islam erklärt und mit ihm Menschen die mit dem Islam sozialisiert wurden. Seit der Silvesternacht in Köln und den Terroranschlägen auf Paris und andere Städte, werden männliche Geflüchtete, besonders aus dem arabisch-sprachigen Raum, als Trieb gesteuerte, potentiell gewalttätige Menschen dargestellt. Mit dem Überwurf des „Frauenschutzes“, wird der Rassismus nicht nur von der IB, sondern auch von AfD, Union und darüberhinaus getragen und verbreitet. Bei sexualisierter Gewalt alteingessener Urheberschaft, ist von diesen „Frauenrechtler*innen“ niemand zufinden. Die Thematisierung von Gewalt gegen Frauen dient also weniger dem Feminismus, als vielmehr der Rechtfertigung rassistischer Politiken, wie racial profiling oder dem Ruf nach schnelleren Abschiebungen.

Geschlechter- und Rollenbilder

Die Angst vor der „Überfremdung“ dient auch einer reaktionärer Geschlechterpolitik. Die Neue Rechte stellt sich klar gegen Schwangerschaftsbrüche und hält höhere Geburtenzahlen für wichtig. Dies hängt mit dem biologistischen Frauenbild in der Rechten zusammen. Die Frau hat klassisch, wie auch in der Neuen Rechten eine „natürliche “Bestimmung. Sie wird als Mutter und als Hüterin der Familie inszeniert. Ihre Position ist wichtig für den Erhalt des „Volkes“. Der Mann hat auf anderen Ebenen „Volk“ und Familie verteidigen. Das Idealbild der starken Frau entspricht dem eines gebährfähigen Körpers, während der starke Männerkörper sich auf dem sprichwörtlichen wie dem ganz realen Schlachtfeld zu bewähren hat. Das Frauenbild der neuen Rechten unterscheidet sich nur marginal von dem des historischen Nationalsozialismus.
Gleichberechtigung ist kein fremder Begriff in der Neuen Rechten, er wird lediglich mit anderem Inhalt gefüllt. Demnach ist eine Frau gleichberechtigt, wenn sie entsprechend ihrer „natürlichen“ „weiblichen“ Eigenschaften handeln darf. Dabei sehen die Identitären ein Problem: In unserer Gesellschaft würde es Frauen durch „Gender-Mainstreaming“ schwer gemacht werden, sich natürlich zu Verhalten. Zudem gäbe es eine Krise der Männlichkeit. Männer gelten als verweichlicht und verweiblicht. Besonders zeige sich dies in umgreifender Dekadenz, welche als ihnen als homosexuelle Eigenschaft gilt. (Neu-)rechte Theorien sehen Homosexualität als Gefahr für die Nation, da sie zur Senkung der Geburtenrate führe. Dagegen wird die Familie als elementarer Teil der Nation weiter aufgewertet. Wenn gerade nicht die „naturgegebene“ Rolle als Mutter inszeniert wird, verwendet die IB gerne eine objektivierende Bildsprache mit Fotos leicht- und unbekleideter blonder Frauen.

Kulturrevolution von rechts

Das vorrangige Ziel das die Neue Rechte anstrebt, ist die sogenannte Kulturrevolution von rechts. Der Ideengeber Alain de Benoist bezieht sich dabei auf den marxistischen Theoretiker Antonio Gramsci. Gramsci stellte in seinen Überlegungen die Frage ins Zentrum, weshalb nach dem ersten Weltkrieg außerhalb Russlands keine erfolgreiche Revolution erfolgte. Er hielt fest, dass die Zivilgesellschaft, also etwa Vereine, Kirchen,Presse, Gewerkschaften etc., das System immer wieder herstellten. Diese Institutionen gehören für ihn zu einem erweiterten Staatsbegriff. Wer also die Hegemonie in einem Staat erringen möchte, dürfe sich nicht nur mit staatlichen Institutionen im engeren Sinne befassen.
Benoist verkürzt Gramscis Schriften, wie auch die marxistische Grundlage. Er verfolgt eine Strategie, mit der zuvorderst Eliten erreicht werden sollen, denen eine Avantgarde- und Vorbildposition zugedacht wird. Das Konzept zielt auf den Aufbau einer „Gegen-Gesellschaft“, zu der eine „Gegenkultur“ gehört. Eine Position soll sich entwickeln, die mit Hilfe von Literatur, Musik, Marken, Filmen und vielem mehr eine Identität schafft. Wie das aussehen kann, lässt sich am Beispiel des selbsternannten Volks-Rock‘n‘Rollers Andreas Gabalier aus Kärnten darstellen. Als der Musiker 2014 die österreichische Bundeshymne performen sollte, trällerte er „Heimat bist du großer Söhne“ anstatt das gesetzlich festgelegte geschlechtergerechte Update zu berücksichtigen. Als er im Nachgang dafür kritisiert wurde, erwiderte Gabalier: „Ich bin sehr für Frauenrechte. Aber dieser Gender-Wahnsinn, der in den letzten Jahren entstanden ist, muss wieder aufhören“. Es verwundert kaum, dass solche Aussagen von den Identitären gerne gehört werden, erfüllen sie doch genau ihre Strategie. Ein gesellschaftlicher Rechtsruck, in Zuge dessen sich immer mehr Eliten auf ihre Seite stellen und somit ein breiteres Agitationsfeld schaffen, bietet ihnen optimale Voraussetzungen.

Spontan nach Plan

Während die IB in Deutschland zunächst mit einigen Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen hatte, bietet die aktuelle politische Polarisierung und die Stärke von AfD, Pegida und Co. den gesellschaftlichen Rückenwind, der sie zum attraktiven Angebot, sowohl für akademisierte Segelschuhfans als auch für ursprünglich in klassischen Nazistrukturen organisierte Rechte macht. Als jugendliche Avantgarde der neuen Rechten kann sie auf fertige inhaltliche wie aktionistische Konzepte zurückgreifen und sich aus einem Handwerkskasten bedienen, der es auch kleineren Strukturen ermöglicht, mit professionell wirkender Außendarstellung aufzutreten. So wird sich etwa gestalterisch streng an einem Corporate-Design bedient, dass sich vom üblichen Material extrem rechter Szenen qualitativ absetzt. Einer der Gründe für die mediale Aufmerksamkeit für das Phänomen der Identitären Bewegung, lässt sich neben dem gelifteten, modernisierten Auftreten auch aus der Adaption von Aktionsformen erklären, mit denen sie eher im Terrain linker Gruppen wildern. Dass die – im Vergleich zu pfadfindernden Scheitelnazis – „hipp“ wirkenden Jungrechten bei Zeitungsschreiberlingen regelmäßige „Spontis von rechts“-Assoziationen auslösen verwundert nicht. Doch so spontan wie sie scheinen, sind die socialmedia- und zeitungsfoto-kompatiblen Aktionen der Identitären längst nicht. Als bei einem Treffen der IB in Memmingen, Antifas an die Scheibe des Lokals klopften, verabschiedeten sich die anwesenden Identitären aus dem Raum, ließen jedoch 55 Seiten Strategie- und Schulungspapiere zurück, die prompt im Internet landeten. Die Lektüre verrät nicht nur einiges über das Selbstbild als Speerspitze rechter Bewegungen, sondern verdeutlicht auch wie hierarchisch die IB organisiert ist. Penibel wird in den Dokumenten beschrieben, wie Aktionen vorzubereiten, durchzuführen und auszuwerten sind. Aktionen, Auftritte und Erklärungen sind mit einer „nationalen Leitung“ abzustimmen, selbst kleine Handgriffe unterliegen exakten Vorgaben.

Also…

Wie bereits erwähnt, macht die Identitäre Bewegung mit regelmäßigen Schlagzeilen auf sich aufmerksam und zeigt sich bemüht die Taktzahl zu erhöhen. Die Jugendbewegung der Neuen Rechten schreckt dabei nicht vor Gewalt gegen ihre Ziele und Feinde zurück. Martin Sellner, einer der Ober-Identitären etwa, gab in einer Auseinandersetzung mit Linken am 3.2.17 Schüsse aus einer „Pfefferspraypistole“ ab. Auch ein Messer-Angriff auf einen Antifaschisten in Lübeck am 17.2.17 durch den Identitären Volker Zierke, reiht sich in die Chronologie ihrer Aktivitäten. Doch es regt sich antifaschistischer Widerstand, auch in München: Anfang Februar wurden „Aufklärungsflyer“ zum Ethnopluralismus im Umfeld der Danubia-Burschenschaft in München verteilt. Am Tag darauf wurde der Identitäre und Bewohner der Danubia, Arndt Novak an der LMU, mit mehr als 1000 Flyern und einigen Plakaten geoutet. Antifas sollten die Aktivitäten der IB verstärkt beobachten und ihr Grenzen aufzeigen, bevor sie zum echten Problem wird.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s