Aufhören? Kommt nicht in Frage!

Ein Rückblick auf das Antifa-Café mit Rehzi Malzahn

Mit einem Beitrag unter dem Titel „Antifa heißt…“ eröffnete die Kampagne „NS-Verherrlichung stoppen!“ Anfang 2007 eine Strategiedebatte um Neuausrichtung und Wandel der Antifa-Bewegung, die im Jahr 2014 noch mal an Fahrt gewann.
Was die Protagonist_innen – bei allen doch mitunter stark divergierenden Deutungen – des Öfteren ins Feld führten, war das Phänomen der Antifa als „Jugendbewegung“. So sei die radikale Linke irgendwann für Lohnabhängige, Eltern, für irgendwie „Altgewordene“ kein Zuhause mehr, viele würden spätestens Ende 20 aussteigen. Ähnliches hat Rehzi Malzahn auch bemerkt, wie sie in ihrem Buch „dabei geblieben“ beschreibt. Für sie war das der Anlass, jenes Buch zu schreiben, das aus 25 Interviews mit „Dabeigebliebenen“ besteht, mit Linken, die sich noch heute dazuzählen – zu ganz unterschiedlichen Formen des Aktivismus oder Begriffen von Bewegung.
In der Dezember-Ausgabe des monatlich stattfindenen Antifa-Café war Rehzi Malzahn zu einer Lesung mit anschließender Diskussion eingeladen. Deutlich stärker als gewohnt, war die Veranstaltung geprägt durch „Dabeigebliebene“, die sich aktiv an der Diskussion beteiligten. Zum Einstieg las Rehzi ein aus mehreren Interview zusammengebasteltes großes „Gespräch am Küchentisch“ vor, in dem ganz unterschiedliche Aspekte von Älterwerden und Dabeibleiben benannt wurden. Die Interviewten hatten verschiedene Antworten auf die Frage parat, die sich viele Aktivist_innen wohl an irgendeinem Punkt stellen: Werde ich in 10 Jahren immer noch politisch aktiv sein und wenn ja, warum? Viele bemerkten an diesem Punkt, dass sie sich nicht zufriedengeben können mit den bestehenden Verhältnissen, dass sie diese nicht einfach hinnehmen können, weil es eben immer wieder diese Ereignisse gibt, die wütend machen, schockieren, aktivieren. Auch wenn viele Aktivist_innen aus vollkommen anderen Bewegungen und Teilbereichen der Linken kommen, war das eines der verbindenden Eigenschaften, diese Zähigkeit, Kontinuität und Unzufriedenheit.
Auch in der anschließenden Diskussion, in der Aktivist_innen von eigenen politischen Erfahrungen berichteten, war ein immer wiederkehredendes, verbindendes Merkmal, dass die Viele kaum Pausen gemacht hatten und an keinem Punkt tatsächlich länger „aus der Szene“ weg waren. Damit diese Kontinuität möglich ist, braucht es natürlich funktionierende soziale Netzwerke, die nicht nur bei politischer Frustration und Rückschlägen, sondern auch bei schwierigen persönlichen, individuellen Lebensumständen auffangen. Dadurch wird Kollektivität auch zu einer Art „Strategie“, um dabei bleiben zu können! Diese Kollektivität in allen politischen und privaten Lebensbereichen benennt Rehzi als wichtige Zutat, einer Art „linken Überlebenselixier“.
Außerdem kam in den vorgelesenen Parts der Interviews immer wieder die eigene Lebensauffassung zur Sprache, die die Leute explizit als politisch beschrieben. Der im Buch interviewte Paul machte dies auch an dem Begriff des „Politik Machens“ fest: „Ich habe nie „Politik gemacht“. Ich habe gekämpft. Gelebt. Aber ich habe nie „Politik gemacht“. Wenn ich „Politik mache“, kann ich es auch sein lassen.“ In der Diskussion wurde der Begriff teilweise als ein Ausdruck für „Hobby“ aufgefasst, also etwas, das man „in seinen wilden Jahren mal macht“, aber womit dann auch irgendwann wieder Schluss ist. Gleichzeitig merkte eine Teilnehmerin in der Diskussion an, dass Politik doch eigentlich eine Überzeugung ist, die sich nicht einfach mit Ende 20 ablegen lässt. Bei vielen Aktivist_innen spielte die eigene Politik so selbstverständlich in den eigenen Alltag rein oder war der eigene Alltag, was es heute oftmals durch Entkollektivierung (oder zunehmende Vereinzelung) vielleicht weniger gibt. Damals haben Menschen viel öfter durch und in bindenden, kollektiven Strukturen gelebt und das nicht nur in politischen Wohngemeinschaften.
An dieser Stelle stellt sich natürlich die Frage, inwieweit dies heute noch so möglich ist. Die durchkapitalistisierten Verhältnisse und Beziehungen erschweren es zunehmend, das eigene Leben in Kollektiven zu organisieren, insbesondere in München scheint es schwer vorstellbar, bspw. gemeinsam Mieten zu erwirtschaften oder überhaupt noch Hausprojekte zu gründen. Ein weiterer spannender Punkt war die Frage nach dem Kinderkriegen: Ein Diskussionsteilnehmer fragte, weshalb das Thema keine Rolle in der Lesung gespielt hatte, auch in den Interviews waren sehr wenige Menschen mit Kindern vertreten. In weiten Teilen der eigenen Szene sei ja die Ansicht verbreitet, Kinder wären ein Grund zum Abschied aus dem Aktivismus. Rehzi vertrat an dieser Stelle eher die These, dass die Gründe für einen Rückzug oder Ausstieg woanders schon vorhanden, aber Kinder ein Anlass wären, um sich dann endgültig zu verabschieden. Letztendlich bleibt es einerseits eine weiter zu diskutierende Frage, wie Leute dabeibleiben können und für ihre Beantwortung sind sicherlich die 15 Punkte am Ende von Rehzis Buch ein Anhaltspunkt. Aber viel wichtiger ist es doch, sich einfach mal mit älteren Aktivist_innen zusammenzusetzen und sich mal anzuhören, wie diese Herausforderungen begegnet oder an bestimmte Fragen herangegangen sind und dies auch noch tun. Und wie wir, egal welchen Alters, Herausforderungen im Alltag und die gemeinsame Gestaltung dessen zusammen verwirklichen können. Insofern möge Rehzis Buch und die Veranstaltung im Antifa-Café auch als ein Appell aufgefasst werden, das Projekt an Küchentischen oder ähnlich gemütlichen Orten mit den eigenen Genoss_innen fortzusetzen.

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