Gegen die geläuterte Nation

Antifaschistisches Erinnern heute

Spätestens seit den 1990er Jahren wurde das Verweis auf die Opfer des Nationalsozialismus Teil der deutschen Erinnerungspolitik. Die staatliche Anerkennung der Opfer, die finanzielle Unterstützung von Gedenkstätten und die Förderung von historischen Forschungen war längst überfällig und lange Jahre eine Forderung von Verfolgtenverbänden und Antifaschist*innen. Dennoch können sich Antifas nicht die Hände reiben und darüber freuen, dass wenigstens ein Thema auf der Liste der notwendigen Interventionen gestrichen werden könnte: der Wandel in der deutschen Erinnerungspolitik dient bis heute außen-und innenpolitischen Zielen und schaffte die Grundlage für den veränderten deutschen Nationalismus. Durch die oft beschworene „Aufarbeitung der Vergangenheit“ inszeniert sich Deutschland als bessere Nation, die daraus Kapital schlägt, ihre Geschichte eben nicht zu beschönigen. Für Antifaschist*innen führt die Integration des Gedenkens in ein Dilemma, denn die Erinnerung wird zweifelsohne instrumentalisiert und zur staatlichen Ideologie gemünzt, die dem Standort Deutschland nutzt. Gleichzeitig gibt es aber reale Verbesserungen wie die Anerkennung der Verbrechen, die (freilich zu geringen) finanziellen Zuwendungen für die Überlebenden und die Förderung von Gedenkstätten und Forschungen.

Erinnern in Deutschland:
1959/ 1990 / 2015

1959 benannte Theodor W. Adorno in dem Vortrag „was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?“ zwei Tendenzen im deutschen Umgang mit der Vergangenheit: Erstens versuche man in Deutschland, die Vergangenheit „loszuwerden“, statt sich tatsächlich mit ihr zu befassen. Man wolle „einen Schlussstrich darunterziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen. Der Gestus, es solle alles vergessen und vergeben sein, der demjenigen anstünde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteigängern derer praktiziert, die es begingen“. Zweitens dienten die Versuche, die Vergangenheit zu vergessen, zu verdrängen oder durch einen pathologisierenden Schuldkomplex von sich zu weisen, einem Ziel: Deutschlands Ansehen dürfe nicht beschädigt werden. War in den 1950er und den folgenden Jahrzehnten das Verschweigen und Leugnen die Antwort des deutschen Staates und der deutschen Gesellschaft auf die nationalsozialistischen Verbrechen, vollzog sich ab Mitte der 1980er Jahre eine erinnerungspolitische Wende. Ab den 1990er Jahre wurde das Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus zunehmend durch den Staat gefördert, finanziell und symbolisch: Gedenkstätten, die (in Westdeutschland) jahrelang um die Finanzierung kämpften, schafften neue Stellen und Ausstellungen, in Berlin plante man ein zentrales Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus und der Deutsche Bundestag gedenkt seit 1996 offiziell den Opfern des Nationalsozialismus. Neben den staatlichen Förderungen, interessierte sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft zunehmend für die Geschichte des Nationalsozialismus und die Verfolgung von Jüdinnen und Juden. Die damit einhergehende Ankerkennung der Opfer und das Benennen der Täter war enorm wichtig. Wenngleich letztere immer wieder als „die Nazis“ aus der deutschen Gesellschaft exkludiert wurden. Zwar darf nicht übergangen werden, dass ein Grund für die Wende in der deutschen Gedenkpolitik in den sozialen Bewegungen der 1980er Jahre und dem Druck von antifaschistischer Organisationen wie dem VVN-BdA lag. Dennoch gab es vor allem außenpolitische Gründe für den Wandel: die Angst vor einem „vierten Reich“ nach der deutschen Vereinigung sollte durch die aktive Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit zerstreut werden. Darin begründete sich zugleich eine neue Form des Nationalismus: Deutschland sei das einzige Land, das sich mit seiner Vergangenheit beschäftige und darauf dürfe man nun Stolz sein, so die deutsche Erinnerungsideologie. Der Nationalismus bewegt sich gleichsam auf zweiter Stufe: Zwar ist das deutsche Morden die Katastrophe gewesen, der zentrale Bruch in der Geschichte, gleichzeitig haben sich die Deutschen ja mit dieser Geschichte beschäftigt und dies in einen guten, kritischen Nationalismus überführt.  Exemplarisch lässt sich diese ideologische Figur an Reden des Gedenkpräsidenten Joachim Gauck verdeutlichen: In seiner Rede zum Holocaustgedenktag 2015 im Bundestag verdichtet sich sein erinnerungspolitisches Programm, in der Rede vom „eingewebten Bruch“ in der deutschen Identität. Der eingewebte Bruch ist wie Cornelia Siebeck betont, eben kein Bruch mehr, sondern nur noch ein Webfehler. Gauck bedient sich einerseits einer Sprache, die Auschwitz als radikalen Einschnitt in der Geschichte sieht, um ihn dann im selben Moment wieder zu kitten. Er demontiert die Begriffe, in dem Moment, in dem er sie benutzt. Die Rede vom Bruch, die uneinholbare Diskontinuität in der Geschichte und in der Erinnerung markiert, wird im selben Moment kassiert und in eine gelungene Läuterungserzählung integriert.

Antifaschistische Praktiken

Sichtbarer werden antifaschistische Perspektiven auf Geschichte heute insbesondere als interventionistische Praxis gegen die Relativierung des Nationalsozialismus: gegen die Ehrung von Wehrmachtssoldaten und Angehörigen der SS und gegen deutsche Opfermythen. Eine weitere Form der antifaschistischen Interventionen ist das Feiern des 8./9.Mai als „Tag der Befreiung“. Die Feierdemos mit Flaggen der Alliierten und der Flagge Israels waren allerdings selten eine tatsächliche Provokation. Seit 1985 hat sich die Rede von der Befreiung statt der Niederlage weitgehend durchgesetzt. Gleichzeitig hat es auch einen problematischen Charakter: Deutschland wurde nicht vom Nationalsozialismus befreit, als seien die Nationalsozialisten von außen gekommen, sondern Deutschland wurde von den alliierten Truppen militärisch besiegt. Der Tag der Befreiung war vor allem der Tag der Befreiung der Menschen aus den Konzentrationslagern, für die Freude über die Befreiung getränkt war von der Trauer über die Ermordung ganzer Familien, und der Zerstörung all jenem, das notwendig zum Leben ist. Antifaschistisches Erinnern ist seltener geworden. Das hat zum einen generative Gründe: Antifaschist*innen haben selten noch Kontakt zu Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager.
Zum anderen heißt Antifa meistens Intervention in die gesellschaftlichen Widrigkeiten. Es liegt also nahe, dass die Positionierung gegen revisionistische Nazis oder selbstmitleidige Opfermythen antifaschistische Reaktionen hervorrufen.  Außerdem sind auch antifaschistische Debatten vom Zeitgeist abhängig. Die Beschäftigung mit dem historischen Nationalsozialismus und der Erinnerung in Deutschland wurden in den 1980er und 1990er Jahren leidenschaftlich geführt. Die Debatten waren durchaus auch selbstkritisch, wie die Auseinandersetzung mit der deutschen Arbeiterklasse, die eben nicht in Scharen in den Widerstand gegen den Nationalsozialismus ging. Die neue deutsche Erinnerungspolitik des Erinnerungsweltmeisters Deutschlands wurde heftig kritisiert. Im Gedenkjahr 2015 hingegen bleib eine Debatte über die Kritik an der deutschen Erinnerungspolitik weitgehend aus, insbesondere in ihren subtileren Formen. Dabei sollte alleine die Tatsache, dass Horst Seehofer 2015 eine Rede anlässlich der Befreiung Dachaus halten durfte, deutlich machen, dass die staatliche deutsche Erinnerungspolitik weiterhin ein Thema der antifaschistischeren Kritik und Intervention sein sollte. Wer die bayerischen Landesgrenzen mit der letzten Patrone verteidigen will, darf nicht unwidersprochen behaupten, dass Bayern seit 1945 immer schon ein Schutzhort für verfolgte Menschen gewesen sei.

Antifaschistische Einsprüche  

Erinnern an den historischen Nationalsozialismus ist ein Teil des antifaschistischen Selbstverständnisses. Um nicht Part eines unkritischen nationalen Diskurses zu werden, muss sie sich auch in den gegenwärtigen Debatten positionieren und Kritik an den staatlichen Vereinnahmungen üben. Gleichzeitig muss sie sich gegen jeden Antisemitismus und Rassismus positionieren.  In der radikalen Linken, in der deutschen Gesellschaft und überall. Gegen die staatlichen Umarmungen hilft nur: Antifa heißt kantig bleiben.

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