Get organized! – Ein Beitrag zur Debatte um antifaschistische Organisierung

Der Mob tobt auf deutschen Straßen. Fast täglich kommt es zu Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte. „Und was macht die Antifa? Marx lesen und die Europäische Zentralbank blockieren.“ kritisiert Jan Tölva.
Auch wenn diese Zuspitzung mehr Polemik denn Realitätsbeschreibung ist, so verlaufen die Diskussionen derzeit tatsächlich oft als Gegensatz zwischen Antifa-/AntiRa-Arbeit auf der einen und einer breiteren linksradikalen Organisierung auf der anderen Seite. Aber besteht hier tatsächlich ein Widerspruch und wie hält es die radikale Linke mit der Organisierung? Einige Fragen, die sich stellen:

Revolutionärer Antifaschismus?

In den 90ern war klar: Antifaschismus ist der Hebel um das Ganze aus den Angeln zu heben. Revolutionärer Antifaschismus nannte sich das Konzept, mit dem man insbesondere jugendliche Aktivist_innen gegen das System in Stellung bringen wollte (2). Mit Kulturpolitik, Jugendantifagruppen, einer verbindlichen Organisierung und militantem Gestus wollte man Antifa als umfassenden linksradikalen Organisationsansatz verbreiten. Hintergrund dieses Ansatzes war nicht nur die Konfrontation mit Nazi-Skins und deutschem Nationalismus in der 90er Jahren, sondern auch die Diskreditierung jeglicher sozialistischer/kommunistischer/anarchistischer Kapitalismuskritik durch den Niedergang des real existierenden „Sozialismus“. Spätestens mit der Anti-Globalisierungsbewegung, aber auch der Kritik der entstehenden Antideutschen wurde das Konzept des revolutionären Antifaschismus zusehends als ungenügend angesehen (3), was zu einer Neuausrichtung erheblicher Teile der autonomen Antifabewegung führte. Eine Kritik des Kapitalismus sollte sich tiefergehend mit Staat, Nation und Kapital auseinandersetzen und die Gesellschaft nicht nur als Brutstätte eines möglichen Faschismus skandalisieren. Nicht alle haben diese Neuausrichtung mitvollzogen. Auch heute noch gibt es Gruppen, die einen revolutionären Antifaschismus hoch halten (4). Doch gerade in den letzten Jahren haben viele Gruppen sich breiteren Organisierungsansätzen angeschlossen, in denen Antifa nur noch ein Teilbereich unter vielen ist. Antifaschismus – das zeigen auch die Geschehnisse der letzten Monate – ist in keinem Fall überflüssig; aber eben auch nicht mehr das einzige Aktionsfeld einer radikalen Linken.

Organisierung als Selbstzweck?

Bereits in den 90ern, zu Zeiten des Konzept Antifa gab es mit der AA/BO bzw. dem BAT bundesweite Organisierungsversuche. Zentraler Aufhänger war in beiden Fällen der Bereich Antifaschismus. Insbesondere die AA/BO wollte durch eine verbindliche Organisierung, zentrale Kampagnen, professionalisierte Presse- und Bündnisarbeit bundesweite Relevanz erreichen. Dies ist zum Teil auch gelungen. Es gab kaum Nazigroßveranstaltungen, die nicht durch große Antifa-Mobilisierungen konfrontiert worden wären. Antifaschistische Großmobilisierungen konnten ein großes Presseecho hervorrufen und waren als subkultureller Lifestyle zumindest in den Städten präsent. Anfang der 2000er Jahre kam dieser Organisationsansatz allerdings in die Krise. Die Organisierung sei reiner Selbstzweck, jenseits von Antifa-Mobilisierungen könne man sich inhaltlich kaum einigen, geschweige denn gesellschaftlichen Einfluss ausüben. Mit der Auflösung der AA/BO war der organisierte autonome Antifaschismus in der Krise. Die größeren Gruppen in Berlin, Frankfurt oder Göttingen hatten zwar immer noch bundesweite Relevanz, aber nur in der Antifa-Szene. Es folgte eine Phase der inhaltlichen Debatten (5), die aber zunächst eher die Unterschiede denn Gemeinsamkeiten hervortreten ließ.

Gesellschaftskritik organisieren?

Ein Umschlagpunkt für die radikale Linke in Deutschland war die Mobilisierung gegen den G8 Gipfel in Heiligendamm 2007. Sowohl die Interventionistische Linke (IL) als auch das umsGanze-Bündnis (uG) wurden in diesem Kontext gegründet bzw. sind als solche an die Öffentlichkeit getreten. Die Selbstverständnisse dieser Organisationsansätze unterscheiden sich grundsätzlich. Der IL geht es um „eine radikale Linke, die selbstbewusst und sprechfähig in politische Kämpfe eingreift und fähig ist, auch außerhalb ihrer Subkulturen, Kieze und Freiräume zu agieren“(6). Der zentrale Ansatzpunkt ist also die Intervention in politische Auseinandersetzungen und das Überschreiten der eigenen Szenegrenzen. Mit Großmobilisierungen wie Dresden Nazifrei, Castor Schottern oder in jüngster Zeit mit der Kampagne „Ende Gelände“ konnte sich die IL in verschiedenen Themengebieten verankern. Als Teil großer Bündnisse und dem Konzept des zivilen Ungehorsams wurden Aktionen angeschoben, die bundesweit Beachtung erfahren haben.
Für uG hingegen war eine andere Frage ausschlaggebend: „Das »…umsGanze!« Bündnis wurde Ende 2006 gegründet, um linksradikale Gesellschaftskritik überregional zu organisieren und handlungsfähig zu machen. Es geht um eine Kritik, für die es weder Institutionen noch Parlamente noch feste Verfahren gibt: um die Kritik gesellschaftlicher Herrschaft als ganzer“(7). Hier wird inhaltliche Kritik als Grundlage einer gemeinsamen Praxis in den Vordergrund gestellt. Mit mehreren großen Kongressen, einer Grundlagenbroschüre, die viel Kritik auf sich gezogen hat, und langen Positionspapieren statt knappen Aufrufen hat uG insbesondere die inhaltliche Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse vorangetrieben.
Beide Organisationsansätze haben gemeinsam, dass es darum geht die eigenen Szenegrenzen zu überschreiten und Gesellschaftskritik wieder gesellschaftlich relevant zu machen. Kein Wunder also, dass es nach Jahren der Spaltungen und des innerlinken Szene-Beefs inzwischen wieder zu breiteren Kooperationen kommt, bspw. im Rahmen der Blockupy-Kampagne oder auch wenn es um internationale Vernetzung geht.

Mehr als Boxen und Bücher lesen?(8)

Was sind die Erfolgskriterien von Antifaschismus? Reicht es Nazis auf der Straße zu konfrontieren und in die Flucht zu schlagen? Dieser Ansatz von Antifa als Feuerwehrpolitik, die Naziübergriffe auf Flüchtlingsheime oder auch linke Infrastruktur durch militante Gegenwehr verhindert bzw. verhindern möchte, ist so wichtig wie ungenügend. Rassistische Mobilisierungen sind kein Schicksal das vom Himmel fällt, sondern haben gesellschaftliche Bedingungen, die es zu analysieren, aber auch zu verändern gilt. Etwas oldschool formuliert, fordert das Lower Class Magazine: „Die Einsicht, dass Antifaschismus, wenn er nicht einfach einer der „Mitte“ gegen ihre ungeliebten Kinder sein will, Klassenkampf und Kapitalismuskritik einschließt, darf uns auch durch die Drastik der Situation nicht verloren gehen“(9). Frontex, aber auch die Weltordnungskriege, die oft die Gründe für Flucht sind, werden nicht in der Konfrontation mit lokalen Nazis angegriffen. Dafür braucht es eine weitergehende Organisierung linksradikaler Kritik und Praxis. Das ein oder andere Buch sollte gelesen werden, wenn man verstehen will, warum die gesellschaftlichen Verhältnisse so sind, wie sie sind. Auf dem schmalen Grat von akademischem Elfenbeinturm und kopflosem Aktionismus zu wandeln, erfordert immer wieder Kritik und Selbstkritik, Korrekturen der eigenen Praxis, aber auch einen langen Atem. Kaum eine gesellschaftliche Auseinandersetzung wird über Nacht gewonnen und noch seltener kann eine Gruppe oder Organisationen einen Erfolg für sich alleine verbuchen. Um die komplexen gesellschaftlichen Verhältnisse angemessen zu verstehen, braucht es gemeinsame Reflexion, gemeinsame Praxis, kollektive Anstrengungen, sprich: Organisierung.

Fragend schreiten wir voran.(10)

Auf all diese Fragen gibt es bisher keine befriedigenden Antworten und keine der existierenden Gruppen und Organisationen dürfte einen Masterplan in der Schublade haben. Im Kontinuum von linkem Reformismus (SPD, Grüne aber auch Linkspartei) bis zu verbalradikalem Sektierertum bewegen sich die verschiedenen Organisationsansätze. Gerade an der Haltung zu Griechenland konnten sich die unterschiedlichen Vorstellungen von Veränderung präsentieren(11). Während die einen mit der Syriza-Regierung Hoffnungen verbanden, wussten andere von Anfang an, dass dies nur ein weiterer Verrat wäre. Die Organisierungsfrage ist Katalysator dieser Unklarheiten: Welche Themenfelder sind relevant? Auf welcher Ebene sind Veränderungen zu erkämpfen? Lokal, national, international? Und mit wem ist Fortschritt zu erkämpfen? Radikale Linke vs. Volksgemeinschaft oder doch proletarische Klassenpolitik?
Wenn Jan Tölva fordert: „Antifa bedeutet noch immer in erster Linie Antifaschismus. Selbstverständlich heißt das, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse angegangen werden müssen, die Nazis und Rassisten hervorbringen. Es bedeutet aber auch, sich konkret mit den realen Nazis auseinanderzusetzen“(12) und gleichzeitig die Mobilisierung der Blockupy-Kampagne kritisiert, dann wird aus linker Organisierung und Antifaschismus ein entweder linke Organisierung oder Antifaschismus.
Vielmehr gilt es dieses Dilemma aber auszuhalten: Natürlich fehlen Kräfte, die für Organisierung oder andere Themenfelder mobilisiert werden, im Bereich Antifaschismus. Aber andersherum ist genauso richtig, dass ein blind-aktionistischer Antifaschismus, der sich mit Strafexpeditionen nach Freital, Heidenau usw. begnügt, niemals die Gesellschaft, die diesen Rassismus hervorbringt, wird verändern können, im schlimmsten Fall sogar die Drecksarbeit für den „weltoffenen“ Standort Deutschland macht. Es ist also notwendig die linksradikale Organisierung voranzutreiben, um die gesellschaftlichen Verhältnisse herausfordern zu können, ohne dabei Antifa zu vergessen oder überzubewerten. Oder anders gesagt: Antifa ist nicht alles, aber ohne Antifa ist alles nichts!

(1) Die feindliche Übernahme der Antifa (Jungle World 6.08.2015) zu finden unter: jungle-world.com
(2) Mit einer 70-seitigen Broschüre wurde dieses „Konzept Antifa“ bundesweit als Organisationsansatz verbreitet.
(3) Extremismus der Vernunft (AIB 83) check antifainfoblatt.de
(4) Antifa heißt weitermachen (Neues Deutschland 17.01.2015) online: neues-deutschland.de
(5) Die Zeitschrift Phase Zwei wurde als Ergebnis der Krise der Antifa gegründet und sollte eine gemeinsame inhalt _liche Debatte ermöglichen: Mehr als eine unabgeschlossene Phase unserer Jugend (Phase Zwei 40) phase-zwei.org
(6) http://interventionistische-linke.org/positionen/il-im-aufbruch-ein-zwischenstandspapier
(7) http://umsganze.org/ueber-uns/
(8) Antifa heißt mehr als Boxen und Bücher lesen? (AIB 81)
(9) lowerclassmag.com/2015/08/stirb-leise/
(10) Motto der mexikanischen Zapatisten, einer aufständischen Guerilla, die sich von marxistisch-leninistischen _Revolutionsmodellen losgesagt hat. Infos auf deutsch u.a. hier:.gruppe-basta.de
(11) Ein kluger Beitrag zu den Möglichkeiten gesellschaftlicher Veränderung: Zeit für Plan C (ND 23.08.2015)
(12) Die feindliche Übernahme der Antifa (Jungle World 6.8.2015)

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