Fantifa – eine Sache der Neunziger?

Über linksradikale Selbstverständlichkeiten und blinde Flecken

Wird über Fantifa gesprochen und geschrieben, findet meist vorrangig ein Rekurs auf die Neunziger statt: Die Zeit, in der Fantifa-Gruppen in der Form ihren Ursprung fanden. Das „F“ in Fantifa kann zweierlei bedeuten: Es kann einerseits die Betonung darauf legen, dass eine Gruppe ausschließlich aus Frauen* oder Nicht-cis-Männern*besteht (1), andererseits darauf hinweisen, dass der inhaltliche Schwerpunkt einer Gruppe auf Feminismus liegt – zwei grundsätzliche und wichtige Unterscheidungen. In den 90ern bezeichneten sich meist Gruppen mit dem Namen Fantifa, die ausschließlich aus Frauen* bestanden und sich abseits von Mackertum und männlichem* Dominanzverhalten mit antifaschistischen Themen beschäftigen wollten. Es ist wohl nicht falsch zu behaupten, dass im Rahmen dieser Art der Organisierung die Auseinandersetzung mit Sexismus auch innerhalb linker Strukturen viel Raum einnehmen sollte/musste, jedoch war dies nicht immer und unbedingt der vordergründige Zweck. Viele Frauen* waren zuvor in autonomen Antifa-Gruppen organisiert gewesen, die sie verließen ohne ihr autonomes und militantes Selbstverständnis abzulegen. Einige autonome Frauen*-Gruppen, konzentrierten sich in ihrer Arbeit auch darauf, Feminismus und Kritik am Kapitalismus zusammen zu denken und ihren Widerstand nicht ausschließlich gegen das Patriarchat zu richten. Folge war eine umfassendere Perspektive auf die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft und eine um wichtige Aspekte erweiterte Kritik an dieser. Allerdings war auch das Konzept Fantifa ebenso überwiegend weiß, wie auch die Antifa, was vermehrt von Schwarzen Frauen* kritisiert wurde.

Viele Fantifa-Gruppen lösten sich Mitte der 90er Jahre aus unterschiedlichen Gründen auf, die manchmal inhaltlicher Natur, manchmal organisatorischer waren. Doch im Gegensatz zur weit verbreiteten Ansicht, Fantifa wäre heute kein aktuelles Thema und keine in der radikalen Linken vertretene Organisierungsform mehr, gibt es sie noch, wenn sie auch heute meist anders ausgerichtet und organisiert sind. Heute schreiben sich viele existierenden Gruppen F_antifa oder F*antifa, was bereits grob zeigt, dass sich die klassische Fokussierung auf Feminismus hin zu einem queer-feministischen Anspruch bewegt hat und deutet meist darauf hin, dass eine F_antifa nicht gezwungenermaßen ausschließlich aus cis-Frauen* besteht. Cis-Männer* sind jedoch kein Teil von F_antifa-Gruppen, da weiterhin inhaltliche Arbeit und Diskussionen ohne Mackertum und männliche* Dominanz eine wichtige Bestrebung und Organisierungsform von F_antifas sind und diese Form der Organisierung weiterhin als eine Art geschützter Raum gelten soll.

Heutige F_antifa-Gruppen versuchen intersektional zu denken und zu arbeiten, ihr Interesse nicht „nur“ dem Feminismus oder queeren Themen zu schenken, sondern ebenso verschiedene andere Unterdrückungsmechnismen gezielt anzugreifen und sich selbstreflexiv mit verschiedenen Positionen innerhalb der Gesellschaft zu beschäftigen. Dass Sexismus in der Linken existiert, ist kein großes Geheimnis. Dennoch scheint es immer noch ein allgemeiner oder zumindest wieder entdeckter Trend zu sein, den inhaltlichen Schwerpunkt antifaschistischer Arbeit auf Krise und Kapitalismuskritik zu legen und den Kampf gegen Sexismus einer queer_feministischen linksradikalen Szene zu überlassen. Angesichts der momentanen Krisenverhältnisse, sowie einer Krise innerhalb der Antifa-Bewegung scheint es nahezuliegen, sich wieder auf „die wirklich wichtigen Probleme“ zu konzentrieren, aber doch vielleicht mal einen kleinen Input-Vortrag oder Text über „Kapitalismus und Geschlecht“ zu organisieren oder verfassen, um auf keinen Fall einen Basis-Überbau- oder Haupt- und Nebenwiderspruchs-Gedanken zum Vorwurf gemacht zu bekommen. So traurig die nach wie vor vorhandene punktuelle bis komplette Blindheit für sexistische Verhältnisse ist, so wichtig wird es wieder, sich f_antifaschistisch zu organisieren. So entstehen seit wenigen Jahren erneut vermehrt Gruppen, die sich explizit als F_antifas bezeichnen und sehen, um in eine antifaschistische und linksradikale Szene queerfeministische Inhalte wieder verstärkt zu tragen und dort zu verbreiten, wie auch mit den eigenen Sexismen zu konfrontieren.
Oft fehlt es Antifa-Strukturen nicht am theoretischen Wissen darüber, dass Sexismus existiert, dass das Patriarchat ein Problem ist und sich auch nicht mit der Abschaffung des Kapitalismus beseitigen lassen wird, sondern schlicht und einfach an der Erkenntnis über die Notwendigkeit der Thematisierung von patriarchalen Strukturen, die radikal kritisch und selbstreflexiv passieren muss. „Anti-sexistisch“ zu sein gehört zum Grundkonsens und Selbstverständnis jeder linksradikalen und Antifa-Gruppe, aber dieses Bekenntnis bleibt oft genau dies: Ein Bekenntnis ohne Praxisbezug, ohne praktische Folgen.

Die Aufgabe von F_antifa-Gruppen ist es nicht, sich um Awareness-Teams auf Partys zu kümmern, ihre Arbeit auf Protest gegen Fundis und sexistische Aktionen zu beschränken oder dafür zu sorgen, dass Sexismus in der Linken thematisiert bleibt. Das ist die Aufgabe aller Gruppen und Personen, deren Bestreben ein Leben in einer befreiten Gesellschaft ohne Unterdrückungsmechanismen und Ausschlüsse zu leben. Entgegen verbreiteter Ansichten muss sich die Arbeit von Antifa und F_antifa nicht unterscheiden, ein notwendiger Unterschied ist lediglich das Konzept der Organisierung. Dennoch legen auch heute viele F_antifa-Gruppen den Schwerpunkt ihrer Arbeit absichtlich auf Anti-Sexismus. Dies passiert häufig jedoch deshalb, da das Thema nach wie vor einen blinden Fleck darstellt – sowohl gesamtgesellschaftlich, als auch innerhalb der linken Szene. Das Konzept F_antifa ist ein Versuch, das zu ändern – hoffentlich einer mit Erfolg.

(1) Hinter geschlechtsbezogenen Wörtern steht ein Sternchen, um darauf aufmerksam zu machen, dass Geschlecht sozial konstruiert und eine fragile Kategorie darstellt.
Die Bezeichnung „cis“ steht für Personen, die sich mit dem Geschlecht, das ihnen zugeschrieben wird, größtenteils identifizieren und stellt das Pendant zu der Bezeichnung „trans“ dar.

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