Menschenfeinde für das Leben

Über reaktionäre „Lebensschützer“, „Besorgte Eltern“ und andere Ekelpakete

Seit vielen Jahren demonstrieren Menschen gegen die „1000-Kreuze-Märsche“, von denen jährlich auch einer in München stattfindet. Die Märsche werden getragen vom gesamten christlich-fundamentalistischen Spektrum, das sich im erzkonservativen, von der CSU regierten Bayern besonders wohlfühlt, wo es auf fruchtbaren Boden für antifeministische und rechte Inhalte stößt.

Zwischen den „Besorgten Eltern“, der „Aktion Lebensrecht für alle“ oder „Euro Pro Life“ zu unterscheiden, wird allmählich schwer, nicht zuletzt deshalb, weil die Ziele – und meist auch die Personen – schlicht und einfach dieselben sind, doch einige Gruppierungen sollen im Folgenden genauer beleuchtet werden.

Besonders bekannt und präsent in der Öffentlichkeit war in den letzten Jahren der „Lebenszentrum e.V.“, der regelmäßig vor der Abtreibungsklinik in der Fäustlestraße in München sogenannte „Gehsteigberatungen“ durchführte. Diese bestanden darin Frauen mit Plastikembryonen, Bildern von Föten und massiver Druckausübung zu terrorisieren und am Betreten der Abtreibungsklinik zu hindern. Diese Praxis der Abtreibungsgegner_innen war zwischenzeitlich verboten, doch 2012 wurde das „Beratungs“-Verbot auf den Platz direkt vor der Klinik beschränkt. Auf der anderen Straßenseite dürfen sich die Abtreibungsgegner_innen wieder herumtreiben, doch an diese Einschränkung halten sie sich kaum.

Seit einiger Zeit finden nun einmal im Monat, meist am 25. eines Monats, wieder Märsche durch das Westend zur Klinik statt, bei denen die Abtreibungsgegner_innen „ungeborenem Leben“ – faktisch leblosen Zellhaufen – gedenken wollen. Sie selbst bezeichnen es als „Vigil“, wenn ein paar christliche Fundis mit Kreuzen und Bildern von Embryonen in der Hand von der Frauenkirche zur Abtreibungsklinik laufen.

Diese Veranstaltungen finden zusammen mit dem „EuroProLife“, einem weiteren ekelhaften Verein selbsternannter „Lebensschützer“, statt. „EuroProLife“ wütet in fünfzehn europäischen Ländern und bündelt verschiedene Organisationen, die sich gegen Abtreibung einsetzen, unter einem Banner. Besonders bekannt in München ist Wolfgang Hering, Vorstand von „EuroProLife“, der immer wieder an den „1000-Kreuze-Märschen“ beteiligt ist, da „EuroProLife“ sich seit Jahren damit beschäftigt, weiße Kreuze tragende Gestalten durch Straßen latschen zu lassen. Dies gehört ebenfalls zum Aufgabenbereich der „Aktion Lebensrecht für Alle“ (kurz: ALfA), die in verschiedenen Städten Regionalverbände gegründet haben, aber in Bayern besonders aktiv sind. Deren Bundesvorstand war zugleich der Anwalt des „Lebenszentrum e.V.“, als es um die „Gehsteigberatung“ ging, ein Beispiel dafür, wie klein der entscheidende Personenkreis im christlich-fundamentalistischen Spektrum ist.

Alljährlich kommen die Fundis von „EuroProLife“, „ALfA“ und Co. auch nach München, zuletzt am 10. Mai 2014. Dieses Jahr soll der Marsch am 9. Mai 2015 stattfinden und es ist damit zu rechnen, dass sich auch an diesem Tag Personen aus dem gesamten fundamentalistischen und rechten Spektrum am Sendlinger Tor einfinden werden.
Bei den „1000-Kreuze-Märschen“ wird Frauen* die Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper abgesprochen. Ihre singuläre Aufgabe besteht nach Ansicht der Teilnehmenden im Kinder Gebären und Großziehen. Außerdem zeichnen sich die Märsche und das Weltbild der an diesen Beteiligten durch einen ekelhaften Heterosexismus und Homosexuellenfeindlichkeit aus, bei dem die heterosexuelle, bürgerliche Kleinfamilie inklusive aller überholten Geschlechterrollen das einzig akzeptierte Lebenskonzept sind. Homosexualität und alles, was einer vermeintlich „kinderreichen Gesellschaft“ entgegensteht, sind Werk des Teufels. Diese Ideologie verknüpft sich oft mit einem völkischen Nationalismus, da sich die Marschierenden schon gerne mal den „Volkstod im Mutterleib“ herbeidichten, der durch „Gender-Ideologie“, „Homowahn“ und „Frühsexualisierung“ beflügelt würde.

Vor Letzterem warnen insbesondere die „Besorgten Eltern“, eine weitere Organisation, die reaktionäre Inhalte in die Gesellschaft tragen will. 2014 sollte eine „Demo für alle“ in München von den „Besorgten Eltern“ initiiert stattfinden, die jedoch aufgrund massiver Gegenmobilisierung abgesagt wurde. Für dieses Jahr war der 28. März als Tag auserkoren worden, um es erneut in München zu versuchen, doch nachdem sie auch in anderen Städten mit starken Gegenprotesten konfrontiert worden waren, nahmen sie alle Termine von ihrer Website und kündigten an, sich nur noch spontan zu versammeln. Die „Besorgten Eltern“ propagieren unter dem Deckmantel des „Kinderschutzes“ Heteronormativität und Homosexuellenfeindlichkeit, wollen sexuelle Aufklärung verhindern und so ihr veraltetes Familienbild mit festgeschriebenen Geschlechtsrollen aufrecht erhalten.

Im Rahmen einer von der „Jugend für das Leben“ veranstalteten Lichterkette versammelten sich  am 28. Februar 2015 etwa 50 Abtreibungsgegner_innen in München beim Maxmonument und marschierten zum Odeonsplatz. Die „JfdL“ ist die Jugendorganisation der „ALfA“ und ist 2008 in und außerhalb von Bayern im christlich-fundamentalistischen Spektrum aktiv – auch unabhängig von „ALfA“. Gegen die Lichterkette wurde ein vielfältiger und entschlossener Protest organisiert, der auch nicht aufhörte, als die Abtreibungsgegner_innen einen Gottesdienst in der Kirche St. Ludwig abhalten wollten.
Wie wichtig es ist, gegen die reaktionären Akteur_innen vorzugehen, zeigte sich zuletzt, als Markus Hollemann Kandidat der CSU für das Amt des Gesundheits- und Umweltreferenten aufgestellt wurde, welcher jedoch zum damaligen Zeitpunkt auch Mitglied der „ALfA“ war. Ihm wäre in seinem Amt auch das Thema der Schwangerschaftsberatung zugefallen, was verheerende Ausmaße zur Folge gehabt hätte. Kurzfristig regte sich jedoch medialer und stadtrats-interner Protest, was dazu führte, dass er seine Kandidatur zurückzog. Dennoch besteht oft die Gefahr, Abtreibungsgegner_innen in ihren Aktionen und Zielen nicht ernst genug zu nehmen. Auch wenn sie lächerlich aussehen mögen, wie sie mit Kreuzen herumlaufen oder Rosen in Flüsse werfen – sie stellen eine Bedrohung für ein befreites und selbstbestimmtes Leben dar.

Das christlich-fundamentalistische Spektrum weist viele Schnittstellen zu Rechten und Neonazis auf und das Bindeglied kann, muss aber nicht zwingend eine AfD oder CSU sein. Ebenso, wie sich Nazis und Rechte aller Couleur bei den Fundis wohlfühlen, fühlen sich diverse christliche Abtreibungsgegner_innen auch bei BAGIDA sehr gut verstanden. Dies ist kein Wunder, denn beide Spektren setzen sich oft für dieselbe Sache ein, unter anderem ihr „heiliges Abendland“ oder gegen das Feindbild „Islam“. Ein rechtes und christlich-fundamentalistisches Spektrum verschmilzt somit sowohl personell, als auch inhaltlich.

Es gilt, mit Vehemenz und Entschlossenheit gegen Abtreibungsgegner_innen und sexistische Stimmungsmache gegen selbstbestimmtes Lieben und Leben vorzugehen!

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